Zum 3. Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven
Einen ersten Einfall zu seinem späteren Klavierkonzert Nr. 3 hatte Ludwig van Beethoven möglicherweise bereits im Jahr 1796. Damals notierte er etwas »Zum Concert aus C Moll pauke bej der Cadent« auf ein Skizzenblatt. Es war ein Puzzleteil für ein Konzert, das allerdings nach mehreren Anläufen erst am 5. April 1803 in Beethovens Akademie am Theater an der Wien uraufgeführt wurde. Beethoven saß am Klavier.
Die Uraufführung und weitere Aufführungen
Sein Freund Ignaz von Seyfried blätterte um – und schwitzte Blut und Wasser – möglicherweise bezieht er sich bei der folgenden Beschreibung auf eine Probe im Vorfeld:
»Beim Vortrage seiner Concert-Sätze lud er mich ein, ihm umzuwenden«, so Seyfried nach Wheelock-Thayers Beethoven-Buch, »aber – hilf Himmel! – das war leichter gesagt als gethan; ich erblickte fast lauter leere Blätter; höchstens auf einer oder der anderen Seite ein paar, nur ihm zum erinnernden Leitfaden dienende, mir rein unverständliche egyptische Hieroglyphen hingekrizelt; denn er spielte beinahe die ganze Prinzipal-Stimme blos aus dem Gedächtniß, da ihm, wie fast gewöhnlich der Fall eintrat, die Zeit zu kurz ward, solche vollständig zu Papiere zu bringen. So gab er mir also nur jedesmal einen verstohlenen Wink, wenn er mit einer dergleichen unsichtbaren Passage am Ende war, und meine kaum zu bergende Aengstlichkeit, diesen entscheidenden Moment ja nicht zu versäumen, machte ihm einen ganz köstlichen Spaß, worüber er sich noch bei unserem gemeinschaftlichen jovialen Abendbrote vor Lachen ausschütten wollte.«
Aus den »Biographischen Notizen zu Ludwig van Beethoven« von Franz Gerhard Wegeler und Ferdinand Ries wird ersichtlich, dass wir damit nicht nur nicht wissen, wie es wohl geklungen hat, als Beethoven selbst Klavier gespielt hat. Wir wissen letztlich auch nicht, was genau er eigentlich gespielt hat, denn, wie Ries schreibt:
»[d]ie Clavierstimme des C Moll Concerts hat nie vollständig in der Partitur gestanden. Beethoven hatte sie eigens für mich in einzelnen Blättern niedergeschrieben.«
Es mag also sein, dass Beethoven anhand von damals partiell vorliegenden Notenblättern und aus dem Gedächtnis ergänzend genau das aufgeschrieben hat, was er selbst auf dem Klavier gespielt hat. Aber ganz sicher werden wir uns da nie sein können, da er ein legendärer Improvisator war.
Das Paukenmotiv
Die Entstehungsgeschichte des dritten Klavierkonzerts ist nicht nur langwierig, sie ging auch in mehreren Schüben vor sich. Außer der eingangs genannten Skizze von 1796 gab es mutmaßlich in einem verlorenen Skizzenbuch von 1799/1800 Entwürfe des gesamten oder von großen Teilen des Konzerts. Im tatsächlich überlieferten Partiturautograph lässt sich anhand von verschiedenfarbigen Tinten belegen, dass Beethoven zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Arbeitsstadien an dieser Partitur durchlaufen hat.

Die Kadenz zu seinem Konzert notierte Beethoven dann erst 1809. Später haben mehrere weitere Klaviervirtuosen eigene Kadenzen zu diesem Konzert komponiert.
Ganz gleich aber, welche Kadenz man spielt – häufig ist es die von Beethoven -, aus ihr heraus führt eine Passage, die sich auf den Einfall zurückführen lässt, den Beethoven im Jahr 1796 notiert hat; damals schrieb er ja im Zusammenhang mit der Klavierkadenz von Pauken.
Im folgenden Video sieht man sie am Ende der Klavierkadenz (ab ca. min 15:15), der Paukist spielt mit Holzschlegeln, deswegen hört man den Paukenpuls ganz deutlich – in vielen anderen Videos sieht man die Pauken eher, als dass man sie hört:
Der Herzschlag
Dieses Paukenmotiv hat es ins Hauptthema des Kopfsatzes geschafft. Es ist, wie so häufig bei Beethoven, ein äußerlich absolut unspektakuläres Thema, aus einfachen Bausteinen zusammengestellt (Moll-Dreiklang nach oben, unkomplizierte Tonleiter im Quintraum nach unten etc.). Es ist sehr regelmäßig gegliedert in zwei Mal acht Takte.
Im dritten Takt taucht im Hauptthema der folgende Gedanke auf – ich gebe ein von mir erstelltes Notenbeispiel der ersten vier Takte des Konzerts in zwei Systemen:

Der sich wiederholende Sprung vom g zum c entspricht von den Tönen und vom Rhythmus her dem Paukenmotiv nach dem Ende der Kadenz.
Dieses Paukenmotiv wandert im Lauf des Konzerts durch die verschiedenen Instrumentengruppen. Und auch wenn das auf der Quart nach oben basierende Bassmotiv in den Oberstimmen in anderer harmonischer Lage vorkommt: Der Rhythmus bleibt der gleiche. Es klingt wie ein Herzschlag, der diesem gesamten ersten Satz Leben einhaucht.
Wenn man die ersten sechzehn Takte des Kopfsatzes anhört, fällt außerdem auf, dass Beethoven die scharfen Akzente zum Ende dieser Takte hin setzt. Das passt zur Richtung des Paukenmotivs und ist einer der Tricks, mit denen Beethoven dafür sorgt, dass dieser so leise beginnende Satz seine Wucht entwickeln kann. Schon früh in seinem dritten Klavierkonzert signalisiert Beethoven: Dieses Thema mag leicht und einfach wirken. Aber das ist erst der Anfang.