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Flucht aus Deutschland

Kurt Weills zweite und letzte Symphonie

Eine Symphonie zu schreiben muss man sich leisten können. Das wusste schon Joseph Haydn. Und er machte ein Geschäft daraus. Manche seiner Symphonien verkaufte er klammheimlich verschiedenen Verlegern so, als würden sie sie ›exklusiv‹ bekommen. Dabei hatte Haydn als Kapellmeister beim Fürsten Esterházy sowieso schon ein gutes Auskommen. Aber in Zeiten, in denen es weder Urheberrecht noch Verwertungsgesellschaften gab, musste ein Komponist eben schauen, wo er blieb.

Beethoven schrieb im Vergleich zu Haydns Dutzenden nur sehr wenige Symphonien. Acht der neun versah er mit Widmungen. Und auch wenn er freischaffend für ein zunehmend bürgerliches Publikum arbeitete, sind sämtliche Widmungsträger seiner Symphonien Adlige, von denen ihm manche finanziell unter die Arme griffen, auch wenn er nicht an ihrem Hof angestellt war.

Für Gustav Mahler war das Komponieren von Symphonien vor allem ein Zeitproblem. Er war als Dirigent so respektiert wie eingespannt. Man kann sich wundern, dass er es bei seinem Arbeitspensum geschafft hat, auch noch neun großformatige Symphonien fertigzustellen. Außer den Orchesterliedern hat er ansonsten allerdings kaum etwas komponiert.

Wer Symphonien Mahlers kennt und mag, dem wird der Sound von Weills zweiter Symphonie möglicherweise liegen.

Kurt Weill

Kurt Weill wurde am 2. März 1900 in Dessau geboren. Sein Vater war dort Kantor der jüdischen Gemeinde. Als er fünf Jahre alt war, begann Kurt Weill Klavier zu lernen. Erst Kompositionen entstanden noch in seiner Schulzeit. Mit 18 ging er zum Studium an die Berliner Musikhochschule. Er lernte u. a. bei Humperdinck, brach das Studium aber schon 1919 unzufrieden ab.

Nach Zwischenstationen als Korrepetitor unter Knappertsbusch in Dessau und als Kapellmeister in Lüdenscheid ging Weill 1920 wieder zurück nach Berlin, wo er drei Jahre lang bei Ferrucio Busoni studierte.

Eine erste Symphonie schrieb er 1921, zog sie allerdings zurück. Bald danach erlebten erste Kompositionen Weills ihre Premiere, darunter das Streichquartett op. 8 mit dem Amar-Quartett (in dem Hindemith spielte) und der Liederzyklus Frauentanz op. 10, der auch international erfolgreich wurde.

1924 lernte er seine spätere Frau Lotte Lenya kennen. Ab Mitte der 1920er Jahre komponierte er Bühnenwerke auf Texte von Georg Kaiser und Yvan Goll. Wohl im Jahr 1927 trafen Kurt Weill und Bertolt Brecht zum ersten Mal aufeinander. Eine folgenreiche Begegnung, die zu mehreren erfolgreichen Kooperationen führte. Am 31. August 1928 wurde die »Dreigroschenoper« mit dem Text von Brecht und der Musik von Weill uraufgeführt.

Kurt Weill, Portraitfoto, Seitenprofil mit Blick Weills nach vorn direkt in die Kamera
Kurt Weill im Jahr 1932;
Bundesarchiv, Bild 146-2005-0119 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons

Kurt Weills 2. Symphonie

Kurt Weill wurde bald zu einem der erfolgreichsten und damit auch exponiertesten Komponisten der Weimarer Republik. Deshalb wurde er, als 1933 die Nazis an die Macht kamen, schnell zu einem bevorzugten Ziel von deren antisemitischer Kulturpropaganda. Man stellte ihn in eine Linie mit Mendelssohn, Offenbach und Korngold und drosch in lustvoll gewaltsamer Sprache auch auf ihn ein; ganz davon zu schweigen, dass Aufführungen seiner Musik immer wieder gezielt gestört wurden.

Wie wichtig Kurt Weill den Nazis war, kann man u. a. daran sehen, dass seine Kompositionen in der Ausstellung ›Entartete Musik‹ (1939 in Düsseldorf) zu den Paradebeispielen unerwünschter Musik zählten; auch wenn Weill Deutschland längst verlassen hatte, war man ihn nicht losgeworden.

Bevor er 1935 für den Rest seines Lebens in die USA gehen sollte, wo er am Broadway erfolgreich wurde, ging er im Jahr 1933 nach Paris. Am 7. Juni wurden im Théâtre des Champs Elysées »Die sieben Todsünden« uraufgeführt; das Libretto stammte von Bert Brecht, die Musik von Kurt Weill. Bald folgten Aufführungen in London und Kopenhagen.

Bei einem Konzert mit Liedern aus Weills »Der Silbersee« einige Monate später ebenfalls in Paris übertönten französische Anhänger des Nationalsozialismus den Applaus. Weill blieb das nicht verborgen. Hinter der Bühne fragte er mehrfach: »Habe ich das nötig?«

Seine Symphonie Nr. 2 komponierte er im Auftrag für die Prinzessin de Polignac, der späteren Widmungsträgerin des Stücks. Nach Entwürfen im Januar und Februar 1933 arbeitete er vom Sommer 1933 an weiter an der Symphonie; im Februar 1934 wurde sie fertig. Am 11. Oktober 1934 dirigierte Bruno Walter die Uraufführung durch das Concertgebouworkest in Amsterdam. Auch in New York und Wien brachte Walter die Symphonie auf die Bühne.

Trauermärsche

Ohne seine Klangsprache oder seinen eigenen Stil preiszugeben, lässt Weill in der klaren Formgebung dieser Symphonie Anklänge an die Wiener Klassik zu; in den kleinteiligen, melodisch interessanten Einfällen ist das nicht so weit entfernt von Eigenheiten Schuberts. In ihrem düsteren Grundton aber erinnert Weills Symphonie zuerst an die Musik Gustav Mahlers.

Weills zweite Symphonie beginnt mit einer trauermarschartigen Introduktion, deren rhythmische Impulse wie ein Echo des Kopfsatzes von Mahlers fünfter Symphonie klingen. Ein längeres Trompetensolo bekräftigt diese Assoziation. Auch bei Mahler gibt es ein solches Solo, dort allerdings von den ersten Tönen des ersten Satzes an.

Das anschließende Sonatenallegro hat Biss und Tempo. Langweilig wird es nie. Längen höre ich auch keine. Da war eben ein Könner am Werk, ein bühnenerfahrener Komponist, der wusste, wie man sein Publikum fesselt. Weill wusste auch, wie er mit den Aufmerksamkeitsspannen seiner Zuhörer:innen umgehen musste, um alle bei Laune zu halten.

Sehr schön in diesem Satz sind die lyrischen Klarinetten- und Trompeten- oder Oboensoli, in denen es plötzlich fast idyllisch wird.

Vor dem mitreißenden Schlusssatz gibt es neuerlich einen Trauermarsch. Im Charakter schließt er an die Introduktion zum Kopfsatz an. Damit ist dieser zweite von drei Sätzen nicht nur der zentrale, sondern auch der gewichtigste Satz dieser Symphonie.

Stimmungsvolle Kantilenen des Solocellos, der Posaune oder der beiden Trompeten geben diesem elegischen Satz Farbe.

Mit seiner zweiten und letzten Symphonie hat Kurt Weill zum Abschied von seiner deutschsprachigen Heimat eine Spur in einer symphonischen Tradition hinterlassen, die Trauermärsche in einigen ihrer herausragenden Kompositionen kennt: außer in Mahlers Fünfter zum Beispiel in der »Eroica« von Ludwig van Beethoven.

Hier dirigiert Marie Jacquot eine Aufführung von Kurt Weills Symphonie Nr. 2 durch das hr-Sinfonieorchester Frankfurt:

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