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Es ist kompliziert

Wagners »Walküre«

Der Dieb ist davongekommen. So endet die erste Szene des »Rheingolds«. Um Wagners »Walküre« zu verstehen, muss man zumindest ein paar Stationen der Vorgeschichte kennen:

Rückblick aufs »Rheingold«

Alberich hatte die Liebe verflucht. Damit war er fähig geworden, den Rheintöchern Flosshilde, Wellgunde und Woglinde das Rheingold zu stehlen (»Rheingold«, 1. Szene, auf dem Grund des Rheins).

Aus diesem Schatz schmiedete er sich einen Ring, der ihm »Macht und Schätze … ohne Mass« verlieh (»Rheingold«, 2. Szene, freie Gegend auf Bergeshöhen, wo die Götter sich u. a. über den Ring unterhalten).

Pech für Alberich war, dass die Götter Wotan und Loge ihn gefangen nahmen (»Rheingold«, 3. Szene, unterirdische Kluft).

Außer Alberich nahmen sie auch seinen Schatz, den Ring und Alberichs Tarnhelm an sich, um mit alledem widerwillig die Arbeit der Riesen Fafner und Fasolt zu bezahlen.

Die Riesen hatten im Auftrag Wotans eine Götterburg gebaut. Das wollten sie nicht umsonst getan haben.

Der Ring des Nibelungen brachte aber auch den Riesen kein Glück: Fafner erschlug Fasolt, weil er den Ring für sich haben wollte (»Rheingold«, 4. Szene, freie Gegend auf Bergeshöhen).

Die Götter waren also nicht im Besitz des Rings geblieben, waren aber noch einmal davongekommen, weil der Fluch, mit dem Alberich den Ring belegt hatte, an ihnen vorübergegangen war.

Trotzdem endet das »Rheingold nicht nur mit dem Verlust des Rings, sondern auch mit einer dunklen Prophezeiung Loges: »Ihrem Ende eilen sie zu«, sagt er über die Götter, zu denen er sich nicht zugehörig fühlt, sie, »die so stark im Bestehen sich wähnen«.

Zeitsprung

Zwischen dem »Rheingold« und der »Walküre« gibt es anschließend einen großen Zeitsprung. »Die Walküre« setzt viele Jahre nach der Handlung des »Rheingolds« ein.

Ganz genau lässt es sich nicht bestimmen. Aber der Nacherzählung Wotans zufolge waren die titelgebenden Walküren zur Zeit des »Rheingolds« noch nicht auf der Welt; und das gilt wohl auch für Siegmund und Sieglinde, die zu Beginn der »Walküre« auftreten.

Die Handlung von Wagners »Walküre« lässt sich in ein paar Grundzügen anhand von drei bekannten Tonbeispielen nacherzählen.

Sie kriegen sich – Tonbeispiel Nr. 1

Das erste Beispiel ist das »Winterstürme wichen dem Wonnemond«:

Es ist eine Passage, in der Siegmund wenig verklausuliert über seine Liebe zu Sieglinde singt. Die beiden haben sich erst vor wenigen Augenblicken wiedergefunden, nachdem sie einander vor langer Zeit aus den Augen verloren hatten.

Siegmund singt jetzt von der Kraft des Frühlings, die den Winter bezwingt, gelockt von der Schwester des Frühlings, der Liebe.

Sieglinde nimmt die Metaphern auf und validiert sie:

»Du bist der Lenz,
nach dem ich verlangte
in frostigen Winter’s Frist;«

Dass die beiden Liebenden sich als Geschwister erkennen, ist für sie beide kein Hindernis.

Sieglinde aber ist – unglücklich – mit Hunding verheiratet. Daraus zieht dieser erste Aufzug insgesamt seine Dramatik:

»Die Walküre« begann ja damit, dass der völlig erledigte Siegmund unter Hundings Dach Unterschlupf fand, weil die ihm im ersten Moment noch fremde Sieglinde ihn einließ; auch Sieglinde erkannte Siegmund in dem Moment nicht.

Hunding war Siegmund gegenüber von Anfang an misstrauisch, weil er die Ähnlichkeit zwischen ihm und Sieglinde sah. Feindselig wurde Hunding, weil er in Siegmund den erkannte, gegen den er zur Rache gerufen worden war, weil Siegmund die Brüder einer jungen Frau erschlagen hatte, die um Hilfe gerufen hatte, weil sie gegen ihren Willen verheiratet werden sollte.

Hunding beugt sich dem Gastrecht und lässt Siegmund unter seinem Dach übernachten. Aber er kündigt an, mit ihm am nächsten Morgen kämpfen zu wollen. Derweil mischt ihm Sieglinde ein betäubendes Schlafmittel in seinen Nachttrunk.

Der erste Aufzug der »Walküre« bewegt sich auf zumindest zwei Zeitebenen:

Da ist einmal die Jetztzeit, in der Sieglinde und Siegmund sich nach und nach erkennen und in der sie einander verfallen.

Und dann ist da die in mehreren Rückblenden erzählte Vergangenheit von der Kindheit der Geschwister an. Diese Rückblenden verleihen der Jetztzeit erst ihre ganze Wucht, bevor dieser erste Aufzug nach dem Tonbeispiel von oben – während Hunding schläft – mit einer Liebesnacht der Geschwister endet – Geschwister, die ihren Vater Wotan unter dem Namen Wälse kennen.

Wotan zwischen Fricka und Brünnhilde

Im zweiten Aufzug erhält der Konflikt zwischen den Geschwistern und Hunding einen weiteren Rahmen: Fricka macht ihrem Göttergatten Wotan gegenüber deutlich, dass sie von ihm erwartet, dass er seinen unehelichen Sohn Siegmund im Kampf gegen Hunding nicht beschützt. Auch soll er seiner Lieblingstochter Brünnhilde, die wie Sieglinde ebenfalls keine Tochter Frickas ist, befehlen, Siegmund nicht zu schützen.

Wie sehr Wotan zwischen den beiden Frauen steht, wird daran deutlich, dass er sich einerseits seiner Gemahlin fügt, die als Hüterin der Ehe auftritt.

Andererseits aber leitet Wotan seine große Rückblende im zweiten Aufzug mit folgenden Worten ein:

»Lass‘ ich’s verlauten,
lös‘ ich dann nicht
meines Willens haltenden Haft?«

Und Brünnhilde antwortet:

»Zu Wotan’s Willen sprichst du,
sagst du mir was du willst:
wer – bin ich,
wär‘ ich dein Wille nicht?«

Die Walküre Brünnhilde, den Kopf nach links gedreht, mit geflügeltem Helm, Speer und großem Schild.
Amalie Materna als Brünnhilde im Jahr 1876
(Boston Public Library, Public domain, via Wikimedia Commons)

Was also Wotan will, zeigt sich möglicherweise erst in der Zwiesprache mit Brünnhilde. Ob aber das, was er mit Brünnhilde bespricht, das ist, was er eigentlich will, ist am Ende des zweiten Aufzugs nicht unbedingt entschieden, auch wenn Wotan absolut nicht einverstanden damit ist, dass Brünnhilde trotz gegenteiliger Anweisung Wotans versucht hat, Siegmund gegen Hunding zu verteidigen.

Der zweite Aufzug endet damit, dass Wotan mit seinem Speer verhindert, dass Siegmund mit seinem Schwert Hunding erschlägt. Stattdessen tötet Hunding mit Wotans Segen Siegmund, stirbt dann aber ebenfalls; die Regieanweisung erklärt lapidar: »Vor seinem [Wotans] verächtlichen Handwink sinkt HUNDING todt zu Boden.«

Dann verschwindet Wotan mit Blitz und Donner, um die ungehorsame Brünnhilde zu verfolgen.

Achtung, die Walküren kommen – Tonbeispiel Nr. 2

Nachdem Wotan verschwunden und der Vorhang gefallen ist, folgt zu Beginn des dritten Aufzugs der »Walkürenritt«. Wenn man diese Musik hört, versteht man, wer die Walküren sind. Aber dazu gehört ja das, was auf der Bühne passiert:

In all ihrer heldinnenhaften Kraft können die wehrhaften Schwestern im weiteren Verlauf nicht verhindern, dass ihr Vater Wotan Brünnhilde aufspürt und ihr vorwirft, sich ihm widersetzt zu haben.

Da hilft es auch nichts, dass Brünnhilde sich als Verteidigerin der Liebe Siegmunds zu Sieglinde in Szene setzt und Wotan davon zu überzeugen versucht, dass sie nur getan habe, was Wotan selbst getan hätte, hätte ihn nicht seine Frau Fricka zu etwas Anderem bewegt.

Wotans Tragik und Brünnhildes Strafe – Tonbeispiel Nr. 3

Im weiteren Verlauf des dritten Aufzugs verstößt Wotan schweren Herzens seine Lieblingstochter Brünnhilde aus dem Kreis der Walküren. Mehr noch: Zur Strafe will er sie in einen Schlaf versetzen, aus dem sie der erstbeste Mann aufwecken und zur Frau nehmen darf.

Vor dem die »Walküre« abschließenden »Feuerzauber« halten Wotan und Brünnhilde eine lange Zwiesprache, in der Brünnhilde Wotan gegenüber neuerlich argumentiert, dass sie nichts als dessen ursprünglichen Willen verteidigt habe.

Das kann Wotan nicht akzeptieren. Aber er willigt darin ein, dass, wie Brünnhilde bittet, nur ein »furchtlos freiester Held« Brünnhilde einmal wird aus ihrem Schlaf erwecken können. Den Helden, den Brünnhilde sich wünscht, charakterisiert er mit einem Satz, der Wotans eigene Tragik deutlich macht: »[D]enn Einer nur freie die Braut, / der freier als ich, der Gott!«

Daraufhin verabschiedet sich Wotan voller Schmerz von Brünnhilde und nimmt mit einem Kuss die Gottheit von ihr.

Anschließend ruft er den Feuergott Loge (vgl. das Tonbeispiel unten). Er soll ein Feuer um den Fels entzünden, auf dem Brünnhilde schläft.

»Die Walküre« endet mit den Worten: »Wer meines Speeres / Spitze fürchtet, / durchschreite das Feuer nie!«

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