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Wie Licht im Wasser

Wagners »Rheingold«

Bevor es richtig losgeht, schickt Wagner eine Reihe von Naturtönen in den Raum. Er lässt das Orchester in wechselnden Instrumentengruppen und Klangfarben über einem Es-Dur-Akkord phantasieren. Aus dem Naturmotiv (die langsam aufsteigenden Akkordtöne) entwickelt sich nach und nach das Wellenmotiv (die schnell und lebhaft dahinfließenden Streicherakkordketten):

Wagners »Rheingold« beginnt nach diesem Vorspiel im Kühlen. Von der Sonne sieht man nur eine Ahnung.

Auf der Bühne tollen die drei Rheintöchter herum. Sie heißen Woglinde, Wellgunde und Flosshilde. Das klingt altertümlich, aber auch schwerelos – und es klingt nach dem Element, in dem sich die drei bewegen.

Die Entstehung der Sprache

Die ersten Textzeilen lauten so: »Weia! Waga! Woge, du Welle, walle zur Wiege! Wagalaweia! Wallala weiala weia!«

Die teils dadaistisch klingenden Lalllaute, die die Rheintöchter da von sich geben, schmiegen sich an das Element, das sie nachahmen. Dort, wo die sprachlichen Zeichen sich aus dem Silbengewoge herausheben, spürt man förmlich, dass sie aus dem Schwung der Lautmalerei heraustreten. Die Zeichen sind wie das Wasser, ähnlich wie auch die Namen der Rheintöchter: Es ist kein Zufall, dass zu den ersten klar erkennbaren Worten des Textes »Woge« und »Welle« gehören, die ihrerseits Bestandteil des Namens zweier der Rheintöchter sind: Woglinde und Wellgunde. Alles fließt.

Bald gesellt sich der Nibelung Alberich zu den Rheintöchtern.

Er ist ein etwas grobschlächtiger, unbeholfener Typ, zumindest wenn es um das Umwerben von begehrenswerten Damen wie den Rheintöchtern geht.

Sie gefallen ihm. Das gibt er so deutlich wie ungeschickt zu erkennen. Und damit ist es umso leichter für die Rheintöchter, ihr Spiel mit ihm zu spielen. Sie machen sich lustig über ihn, verspotten ihn, Flosshilde bewundert ihn, aber nur zum Schein. Alberich wird zornig, verfolgt die Wasserwesen. Die aber sind in ihrem Element und dem Eindringling deshalb weit überlegen.

Wasser, aber auch Licht

Dann ändert sich die Szenerie:

»Durch die Fluth«, so die Regieanweisung, »ist von oben her ein immer lichterer Schein gedrungen, der sich nun an einer hohen Stelle des mittleren Riffes zu einem blendend hell strahlenden Goldglanze entzündet: ein zauberisch goldenes Licht bricht von hier durch das Wasser.«

Man kann dieses Licht der Sonne im Wasser hören:

Dem Zauber dieses Schauspiels hat auch Alberich wenig entgegenzusetzen.

Er staunt und fragt die Rheintöchter, was das sei.

Die Antwort (ab min 2:27):

»Wo bist du Rauher denn heim,
dass vom Rheingold nie du gehört? –
Nicht weiss der Alp
von des Goldes Auge,
das wechselnd wacht und schläft? –
von der Wassertiefe
wonnigem Stern,
der hehr die Wogen durchhellt?«

Ist das Rheingold also nichts als das Licht der Sonne, das sich seinen Weg durchs Wasser bricht?

Der Glanz, in dem man baden kann, interessiert Alberich nicht sonderlich. Aber da plötzlich verplappern sich die Rheintöchter. Zuerst verrät Wellgunde Alberich, welche Macht das Rheingold birgt (ab 3:28):

»Der Welt Erbe
gewänne zu eigen,
wer aus dem Rheingold
schüfe den Ring,
der masslose Macht ihm verlieh‘.«

Nicht glücklich damit, dass Wellgunde das Geheimnis verraten hat, tadelt anschließend Flosshilde:

»Der Vater sagt‘ es,
und uns befahl er
klug zu hüten
den klaren Hort,
dass kein Falscher der Fluth ihn entführe:
drum schweigt, ihr schwatzendes Heer!«

Der Raub des Rheingolds

Kein Problem, entgegnen die beiden anderen: »Weisst du denn nicht, / wem nur allein / das Gold zu schmieden vergönnt?« singt Wellgunde, und Woglinde (ab min 4:08):

»Nur wer der Minne
Macht versagt,
nur wer der Liebe
Lust verjagt,
nur der erzielt sich den Zauber,
zum Reif zu zwingen das Gold.«

Darauf Wellgunde:

»Wohl sicher sind wir
und sorgenfrei:
denn was nur lebt will lieben,
meiden will keiner die Minne.«

Woglinde:

»Am wenigsten er,
der lüsterne Alp:
vor Liebesgier
möcht‘ er vergeh’n!«

Aber Hochmut kommt vor dem Fall. Die Rheintöchter sind sich ihrer Sache zu sicher. Was passieren kann, passiert: Alberich tut, was die Rheintöchter nicht für möglich hielten. Er entsagt nicht nur der Liebe, er verflucht sie sogar.

Dann reißt er, so die Regieanweisung, »mit furchtbarer Gewalt das Gold aus dem Riffe und stürzt damit hastig in die Tiefe, wo er schnell verschwindet. Dichte Nacht bricht plötzlich überall herein.«

So also, wie es vorher hell geworden ist, wird es jetzt wieder dunkel, allerdings eben nicht allmählich, sondern plötzlich.

Urknall

Es ist eine von vielen Differenzierungen und einer der starken Kontraste, die Wagner in der ersten Szene zum »Rheingold« inszeniert:

So wie sich aus den Naturtönen der Obertonreihe im Vorspiel das Wellenspiel schnell dahinfließender Es-Dur-Akkordbrechnungen und Tonleitern herausbildet, so lösen sich aus den ersten Lalllauten der Rheintöchter nach und nach erste bedeutsame Wörter, und so entsteht durch das Licht im Wasser die Erkenntnis, was das vom Licht beschienene Rheingold außer seinem schönen Glanz sonst noch bietet.

In Musik, Sprache und Bühnenbild setzt Wagner so das Ereignis der Schöpfung in Szene: ein sorgfältig komponierter Urknall.

Karikatur von Richard Wagner, wie er dirigierend auf einem gepolsterten Stuhl sitzt.
Richard Wagner dirigiert.
(anonym, Public domain, via Wikimedia Commons)

Inhaltlich entfaltet er in dieser ersten Szene den Konflikt zwischen Liebe und Macht, und er lädt ihn symbolisch auf, indem er diesen Konflikt an Gold sich entzünden lässt. Gold, wenn man nicht liebt, verleiht Macht. Und dass jemand das wollen kann, damit haben die Rheintöchter nicht gerechnet – auch wenn Flosshilde von Anfang an als Mahnerin auftritt, die darauf dringt, das Gold zu bewachen, schon bevor Alberich die Szene betritt: »Des Goldes Schlaf / hütet ihr schlecht«; hatte sie gesungen (oben, zweites Video, ab min 0:33), und weiter: »besser bewacht / des Schlummernden Bett, sont büss’t ihr beide das Spiel!«

Leitmotive

Motivisch schlägt Wagner mit Flosshildes allerdings spielerisch geäußerter Mahnung einen Bogen vom Anfang zum Schluss der ersten Szene:

Die Textzeile »Des Goldes Schlaf hütet ihr schlecht« (oben im zweiten Video ab min 0:33) erklingt nämlich über der Mollversion des schon im Vorspiel eingeführten Wellenmotivs (oben im ersten Video ab min 1:38 und dann 2:36). Die Melodie, auf die Flosshilde, die genannte Zeile singt, ist motivisch außerdem eng an das Entsagungsmotiv angelehnt, das die Melodie zur Textzeile »Nur wer der Minne Macht entsagt« (oben im dritten Video ab min 4:08) bildet, nach der die Macht des Rheingolds erklärt wird, die dem zuteil wird, der eben der Minne oder Liebe entsagt.

Und wenn Alberich kurz vor dem Ende der ersten Szene genau das tut und singt: »so verfluch ich die Liebe« (unten im Video ab min 0:28), dann ist Flosshildes Melodie vom Anfang wieder hörbar, die in dem Moment Vorausdeutung war, während sie aus Alberichs Mund auf diesen Anfang zurückverweist.

Das »Rheingold« ist voll von solchen Verweisen, und der gesamte »Ring des Nibelungen« sowieso; man kann sie Leitmotive nennen oder Gefühlswegweiser.

Es sind mit Themen, Situationen, Gegenständen oder Figuren verknüpfte musikalische Bausteine, die je nach Kontext unterschiedliche Bedeutungen tragen und die umgekehrt die Kontexte, in denen sie auftauchen, mit Bedeutung aufladen.

Zusammen mit dem Dramentext und dem Bühnenbild entsteht so ein Gesamtkunstwerk, bei dem man sich immer wieder wundern kann, dass Wagner sich nicht komplett verzettelt.

Cliffhanger

Aber er war eben auch ein Theaterpraktiker, der wusste, wie man Cliffhanger baut.

Die erste Szene des »Rheingolds« endet mit ein paar Zeilen der Rheintöchter (letztes Video ab min 0:42):

»Haltet den Räuber!
Rettet das Gold!
Hülfe! Hülfe!
Weh! Weh!«

Alberich lacht höhnisch, es erklingt u. a. noch einmal das Entsagungsmotiv und auf der Bühne wird es schwarz. Das Ring-Motiv (Hörner, Bratschen) wird in der zweiten Szene in das Walhall-Motiv übergehen.

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