D’un matin de Printemps von Lili Boulanger
Vor knapp zwei Wochen war Internationaler Frauentag. Manche nennen ihn lieber Frauenkampftag. Es war eine gute Gelegenheit, sich einmal wieder mit klassischer Musik von Frauen zu beschäftigen. Aber das ist natürlich Quatsch. Es ist schließlich immer eine gute Gelegenheit, sich mit klassischer Musik zu befassen, und erst recht mit der von Frauen. Die ist nämlich genauso gut oder schlecht wie die, die Männer komponieren, manchmal sogar besser als die gute der Männer. Nur ist sie häufig weniger bekannt.
Die Musik von Lili Boulanger allerdings kann man gut kennen, und zwar schon eine ganze Weile. Das liegt nicht nur daran, dass es zu Lili Boulanger eine Reihe von Büchern, CD-Einspielungen etc. gibt. Es liegt auch daran, dass Lili Boulanger im Jahr 1913 den Grand Prix de Rome gewann, eine der wohl berühmtesten Auszeichnungen der klassischen Musikgeschichte.

Lili Boulanger gewinnt den Prix de Rome
Den Wettbewerb um den Rompreis für Komponisten gab es seit 1803. Maria Isambert war die erste Frau, die sich um eine Teilnahme an diesem berühmten Wettbewerb bewarb; das war 1874. 100 Jahre nach der Gründung des Kompositionswettbewerbs war es im Jahr 1903 Hélène Fleury, die als erste Frau zum Wettbewerb zugelassen wurde. 1904 gewann sie dort einen 2. Preis.
Der Wettbewerb war höchst anspruchsvoll und ging in zwei Runden vonstatten. In der Vorrunde waren eine Fuge und ein Chorsatz zu komponieren, in der Hauptrunde eine große Kantate, beides in begrenzter Zeit.
Der Rezension des Musikkritikers Émile Vuillermoz über den Sieg Lili Boulangers 1913 ist die Genugtuung anzumerken, die der Autor seinen Formulierungen nach zu urteilen über ihren Triumph verspürt haben muss angesichts der Scharen von Männern, von denen der Wettbewerb dominiert war und die ihr in diesem Jahr allem Anschein nach nicht das Wasser reichen konnten:
»Mlle Lili Boulanger hat im diesjährigen Rom-Wettbewerb über alle ihre männlichen Konkurrenten triumphiert und gewann den Ersten Großen Rompreis auf Anhieb (das erste Mal in der Endrunde), mit Souveränität, Tempo und Leichtigkeit; was die übrigen Kandidaten einigermaßen verstört zurückgelassen hat, schwitzten sie doch seit Jahren Blut und Wasser, um sich dem Preis unverdrossen zu nähern. Damit kein Irrtum aufkommt: Der Sieg ist hart verdient. Es war nicht so, dass die Juroren ihr ritterlich den ersten Platz überließen. Im Gegenteil, sie verfuhren mit dem 19-jährigen Mädchen sogar noch strenger als mit den übrigen Bewerbern. Die Frauenfeindlichkeit der Jury war bekannt.«
Ein kurzes Leben
Marie-Juliette Olga, genannt Lili Boulanger, stammte aus einer angesehenen Pariser Familie von Musikerinnen und Musikern. Schon ihre 1786 geborene Großmutter war mit einem 1. Preis im Fach Gesang am Pariser Konservatorium ausgezeichnet worden. Und auch schon Lili Boulangers Vater war im Jahr 1835 der renommierte Grand Prix de Rome zugesprochen worden, den nach ihm Komponisten wie Charles Gounod, Georges Bizet, Claude Debussy oder Henri Dutilleux gewinnen sollten.
Lilis 1887 geborene Schwester Nadia Boulanger gewann 1908 einen 2. Preis bei diesem Wettbewerb. Es war Lili Boulanger, geboren 1893, die im Jahr 1913 schließlich den Grand Prix de Rome gewann, mit 19 Jahren, im ersten Anlauf – und als erste Frau überhaupt.
Leider war Lili Boulanger, die am 21. August 1893 in Paris geboren wurde, schon früh von schweren Krankheiten geplagt, die sie immer wieder daran hinderten, ihrer Ausbildung und ihrer Arbeit nachzugehen. An ein unbeschwertes Alltagsleben war da natürlich ebenfalls nicht zu denken. Ihr Studium am Konservatorium musste sie immer wieder unterbrechen. Teils wurde sie zu Hause unterrichtet. Immer wieder musste sie sich in Sanatorien begeben und am Ende fruchtlose Behandlungen über sich ergehen lassen. Sie starb am 15. März 1918. Da war sie 24 Jahre alt.
Sie hat keinen dicken Werkkatalog hinterlassen, sondern ein kleines, feines Œuvre, über das man sich schnell zumindest einen groben Überblick verschaffen kann: Da gibt es eine Reihe von teils groß besetzten Vokalwerken, darunter mehrere Psalmvertonungen; außerdem ein paar kleinere Instrumentalstücke. Es lohnt sich, all das häufiger zu hören.
D’un matin de Printemps
Ihre Komposition D’un matin de Printemps ist kurz vor Lili Boulangers Tod entstanden. Es gibt das Stück in mehreren, parallel komponierten Versionen: für Violine oder Flöte und Klavier, für Klaviertrio und für Orchester.
D’un matin de Printemps entfaltet auf engem Raum die Aufbruchsstimmung eines Frühlingsmorgens. Hier ist die Orchesterfassung:
Wie Puzzleteile fügen sich die kleinteiligen Motive ineinander, mit denen Lili Boulanger ihrem lebhaften Stück Formen verleiht. Über einem farbig-weichen Streicherteppich beginnt ab min 0:10 die Flöte mit einem Motiv, das im Anschluss immer wieder vorkommt. Es hat ungefähr diesen Rhythmus: Daaa-di-dam-da-daaa. Es klingt, als würde es Energie sammeln oder gar aufsaugen.
Nach einigen Wiederholungen mündet es in eine mit Leichtigkeit emporschießende Tonleiter. Auch diese Tonleiter ist mehrfach zu hören. Bei min 0:23 zum Beispiel rauscht sie wieder sanft nach oben. Dann kommt sie noch einmal. Allerdings verrutschen ihr Anfangston und fast alles, was folgt, um einen Halbton – nach oben.
Dieses und viele weitere Motive werden aber auf engem Raum noch häufiger wiederholt, bis die nach oben strebende Motivik sich plötzlich nach unten richtet. Zugleich wird das Tempo langsamer. Besonders gut lassen sich die absteigenden und bremsenden Töne ab min 1:27 hören und sehen. Wenig später beginnt ein neuer Abschnitt, erneut u. a. mit solistischem Cello.
Ich finde die Kameraarbeit im Video oben sehr gelungen. Da ist viel von dem eingefangen, was musikalisch passiert. Man merkt das, wenn man versucht, jedes Mal sofort zu hören, was im Bild vor sich geht. Es ist nicht jedes Mal so leicht wie bei min 0:10, wenn die Querflöte ins Bild kommt.
Der vorhin erwähnte neue Abschnitt ist in der Partitur überschrieben mit Mystérieux. Er ist langsamer, melodiöser, leidender. Ab min 2:45 min taucht das nach oben schnellende Motiv wieder auf, das wir schon vom Anfang kennen. Zuerst spielt es die Oboe, dann das Fagott, das auch ins Bild findet. Damit sind wir in etwa bei der Hälfte dieses kurzen Stücks.
Ich will das gar nicht weiter beschreiben. Es wird jedenfalls nicht langweilig. Im Gegenteil. Besonders gut gefallen mir die letzten Takte, in denen Lili Boulanger mit einfachen Mitteln, die wir von vorher schon kennen, Wucht, Witz und große Leichtigkeit vermittelt.
Zwei Details zum Schluss
Zwei Kleinigkeiten will ich noch nennen, die mir auffallen und die für dieses Stück meiner Meinung nach charakteristisch sind:
Erstens die fein differenzierten Farben im Orchester, die durch die sehr wendige, feingliedrige Instrumentation entstehen, aber auch durch eine Harmonik, die von Anfang an eher auf ihre Klangwirkung als auf ihre gliedernde Funktion hin angelegt ist. Dass die nach oben schießende Tonleiter am Ende des Eingangsmotivs sich gleich nachher einen Halbton höher wiederholen lässt, hat damit zu tun, dass der Akkord, den die Streicher anfangs spielen, sich aus mehreren Sekunden übereinander schichtet; es klingen also gleichzeitig Töne, die in der Tonleiter direkt nacheinander kommen: Zu Beginn h-c, e-fis und zu diesen vier Tönen außerdem a-h. Das klingt aber, zumindest für mich, gar nicht sonderlich dissonant, sondern einfach wahnsinnig farbig und spannungsvoll; irgendwoher müssen die Tonleitern ihre überschießende Energie ja nehmen.
Zweitens hat mir ursprünglich die Orchesterfassung besser gefallen als die Trioversion, wegen der Klangfarben. Mittlerweile kann ich mich gar nicht mehr entscheiden. Das liegt u. a. am Eingangsmotiv über dem Harmonieteppich, der auch in der Trioversion einen federnden, gespannten Untergrund bildet. Klar sind die Orchesterfarben schön. Vielleicht sind sie aber nur die Konsequenz der großen musikalischen Vorstellungskraft von Lili Boulanger. Von ihrer Phantasie bekommt man vielleicht eine Vorstellung, wenn man sich zum Beispiel klarzumachen versucht, was alles in der schlichten Triofassung von D’un matin de printemps schon angelegt ist, ohne dass es, wie in der Orchesterfassung, explizit ›gesagt‹ und ausgestaltet wird.
Viel Spaß beim Hin- und Herhören, und schöne Grüße aus Bamberg!