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Immer mehr Meer

Nikolai Rimski-Korsakows »Scheherazade« (1. Satz)

Diese Rahmenhandlung ist furchtbar, aber am Ende auch ermutigend: Ein Sultan wurde von seiner Ehefrau betrogen. Also lässt er sie ermorden. Und weil er es kann, lässt er sich Abend für Abend eine neue Frau bringen, mit der er die Nacht verbringt und die er dann töten lässt, um zu verhindern, dass auch sie ihm untreu wird.

Scheherazade, wie Sophie Gengembre Anderson sie portraitiert hat (in prachtvoller Kleidung, mit Goldkette, Ohrringen etc.), Public domain, via Wikimedia Commons
Scheherazade, wie Sophie Gengembre Anderson sie portraitiert hat, Public domain, via Wikimedia Commons

Die Tochter des Wesirs kann das nicht länger mit anschauen. Sie opfert sich, indem sie sich selbst zum Sultan begibt. Aber listig ist sie. Nacht für Nacht erzählt sie ihm Geschichten. Diese Geschichten finden kein Ende, jedenfalls vorerst nicht. Scheherazade, so heißt die Erzählerin, erzählt ihre Geschichten immer nur bis zu dem Punkt, an dem es spannend wird. Das schützt sie davor, dass der Sultan sie ermorden lässt. Er will ja wissen, wie es weitergeht.

Die Erzählungen Scheherazades sind als die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht bekannt geworden. Der russische Komponist Nikolai Rimski-Korsakow war einer, der sie gern gelesen hat. Gelesen hat er schon in jungen Jahren gern.

Nikolai Rimski-Korsakow auf See

Geboren am 18. März 1844 in Tichwin, gut 200 Kilometer östlich von St. Petersburg, durchlief Rimski-Korsakow ab dem Jahr 1856 eine Ausbildung in der Seekadettenschule der St. Petersburger Marine. Er bekam Klavierunterricht bei wechselnden Lehrern. Er war nicht unbegabt, aber auch nicht leidenschaftlich bei der Sache. 1861 lernte er den russischen Komponisten Mili Balakirew kennen, der einige Jahre älter war als Nikolai Rimski-Korsakow und ihn bald unter seine Fittiche nahm.

Einen Einschnitt bildete das Jahr 1862. Rimski-Korsakow schrieb unter Balakirews Anleitung eine Symphonie in der mindestens für Streicher undankbaren Tonart es-Moll. Er hatte drei Sätze fertig. Dann kam sein Schulabschluss dazwischen. Und nicht nur das! Besonders sein über 20 Jahre älterer Bruder Woin, ein hochangesehener Marineoffizier, legte Wert darauf, dass sein kleiner Bruder auch den praktischen Teil seiner Ausbildung durchlief: eine Seereise auf dem Militärschiff Almas. Diese Reise dauerte knapp drei Jahre und führte Nikolai Rimski-Korsakow einmal um den Globus.

Die Welt der Marinesoldaten scheint nicht die seine gewesen zu sein. Aber die Reiseeindrücke entschädigten für Manches. Nikolai Rimski-Korsakow bewunderte die Niagarafälle und unternahm weite Wanderungen rund um Rio de Janeiro.

Außerdem hatte er Zeit, sich vom Geschehen auf dem Militärschiff abzulenken und sich weiterzubilden. Er las viel, u. a. Texte von Homer, Goethe, Schiller und Shakespeare. Schon in Kiel hatte er sich mit Partituren eingedeckt, darunter Werke von Beethoven, Schumann und Glinka. Auch die Instrumentationslehre von Hector Berlioz studierte er.

Als Nikolai Rimski-Korsakow im Mai 1865 wieder in Russland eintraf, hatte er zwar zwischendurch seine musikalischen Ambitionen ein Stück weit aus den Augen verloren. Seine erste Symphonie aber war so gut wie fertig. Zudem kam Rimski-Korsakow wieder Kontakt mit dem Kreis um Mili Balakirew. Diesem Kreis hatte er vor seiner Seereise seine ersten künstlerischen Erweckungserlebnisse zu verdanken. Uraufgeführt wurde seine erste Symphonie im Dezember 1865.

»Scheherazade«

Das Komponieren von Symphonien hat Nikolai Rimski-Korsakow in späteren Jahren nicht ernsthaft weiterverfolgt. Opern lagen ihm mehr. Vor allem aber als Professor für Komposition und Instrumentation am Konservatorium von St. Petersburg hatte Nikolai Rimski-Korsakow großen Einfluss auf das russische Musikleben. Von ihm stammen mehrere Bücher, darunter die »Grundlagen der Orchestration«.

Seine Symphonische Suite »Scheherazade« hat er 1888 fertiggestellt. Gesetzt war von Anfang an der Name dieser Suite. Zeitweise waren zusätzlich für die vier Sätze jeweils eigene Titel vorgesehen. Sie lauten so: »Das Meer und Sindbads Schiff«, »Die Geschichte vom Prinzen Kalender«, »Der junge Prinz und die junge Prinzessin«, »Feier in Bagdad – Das Meer – Das Schiff zerschellt an einer Klippe unter einem bronzenen Reiter«.

In der gedruckten Partitur sind diese Titel dann doch nicht erschienen. In manchen CD-Booklets heute finden sich die Titel. Andere listen ausschließlich die Tempobezeichnungen der vier Sätze auf.

Über die schon damals dann doch wieder getilgten Titel schrieb der Komponist in seiner »Chronik meines musikalischen Lebens«: »Mit diesen programmatischen Andeutungen wollte ich ja nur die Phantasie des Hörers behutsam in eine bestimmte Richtung lenken, während die Ausmalung der Details dem Vorstellungsvermögen und der Stimmung jedes einzelnen Hörers überlassen bleiben sollte.«

»Phantasie des Hörers«

Je öfter ich diese Suite höre, desto mehr habe ich den Verdacht, dass zumindest ihr erster Satz nicht nur von den Geschichten aus Tausendundeiner Nacht inspiriert ist. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sich Nikolai Rimski-Korsakow nicht an seine Schiffsreisen erinnert hat, als er den ersten Satz von »Scheherazade« komponiert hat.

Es gibt eine Reihe von Kompositionen in der Musikgeschichte, die das Meer zum Thema haben, z. B. Mendelssohns »Meeresstille und glückliche Fahrt« oder Debussys »La mer«. Aber bei keiner dieser oder anderer Kompositionen drängen sich mir in der gleichen Weise Bilder vom Meer auf.

Die Musik

Im Video oben spielt die NDR Radiophilharmonie Hannover unter ihrem neuen Chefdirigenten Stanislav Kochanovskyl Konzertmeisterin ist Meesun Hong Coleman. Sie spielt die großen Violinsoli in diesem Stück sehr schön – klanglich und auch von der Phrasierung her!

Los geht es mit ein paar grimmigen Tönen, das ist der Sultan (bis min 0:20). Dann folgen die Holzbläser und sorgen für Ruhe und ein bisschen Spannung. Ab min 0:47 spielt die Geigerin ihr erstes Solo. Ihre Soli stehen für Scheherazade, die Geschichtenerzählerin, die den Sultan um den Finger wickelt.

Ab min 1:35 klingt es für mich, als würde das Meer selbst seine Wogen schlagen. Ich sehe die Wellen vor mir, die Farben, das Licht. Wenn ich lange genug warte, fange ich an, das Salz in der Luft zu riechen.

Wie das Meer klingt

Dass es zu so einem Klangeindruck kommen kann, hat nicht nur mit meiner Phantasie zu tun, sondern Rimski-Korsakow legt es darauf an: Da sind zum Beispiel die sich durch den ganzen Satz ziehenden Auf-und-Ab-Bewegungen in den Celli. Bei ca. min 1:48 sieht man sie, halbrechts vom Dirigenten.

Über diesen Bewegungen spielen die Geigen eine Melodie, die merkwürdig gegliedert ist. In der westlichen symphonischen Tradition, an der Rimski-Korsakow geschult war, wäre es schlüssig gewesen, vier- oder achttaktige Einheiten zu bilden. Auch die Hörgewohnheiten des Publikums sind noch heute von dieser Taktung geprägt (es gibt sie nicht nur in der symphonischen Orchesterliteratur).

Rimski-Korsakow stattdessen gliedert zu Beginn von »Scheherazade« die Melodien in fünftaktige Einheiten. Man kann es hören, z. B. ab min 1:38, wenn man die Cellobewegungen zählt, über denen die Geigen spielen. Eine Auf-und-Ab-Bewegung der Celli bildet einen Takt; die Melodie der Geigen über diesen wiederkehrenden Cellobewegungen besteht aus vier Takten plus einem Takt, in dem der vorige Takt kräftig nachhallt. Zwischendurch stauchen sich die Passagen zu dreitaktigen Einheiten (min 2:01).

Diese Gliederung sorgt für eine Art Richtungslosigkeit. Man kann zwar hören, wann die einzelnen Phrasen enden oder zumindest, wie sie sich gliedern. Aber man weiß nicht so recht, wie weit sie insgesamt reichen und wie häufig sie wohl noch kommen werden. Struktur entsteht in diesem Satz nicht durch eine klare vertikale Gliederung melodisch-motivischer Einheiten, sondern durch die immer neue Wiederholung dessen, was man eh schon kennt. Man kann sich wundern, warum das nicht irgendwann langweilig wird.

Tanz auf den Wellen

Die Auf-und-Ab-Bewegungen in den Celli sind in Dreiergruppen organisiert: In den Celli geht es drei Viertelnoten nach oben, und dann geht es drei Viertelnoten nach unten, immer wieder. Später wird das zwar variiert, aber das Auf-und-ab bleibt. Es könnte öde sein. Aber das ist es nicht, was unter anderem daran liegt, dass Rimski-Korsakow zwar repetitiv in der Metrik und in der Melodik verfährt, nicht aber in der Instrumentation, mal ganz abgesehen von den sich ändernden Lautstärkegraden etc. Der Instrumentation ist weniger einfach zu folgen. Sie wirkt subtiler, aber auch unvermittelter.

Ein Beispiel dafür, wie der Komponist wechselnde Instrumente am musikalischen Dialog teilnehmen lässt, gibt es ab min 6:40: Jetzt deutet das solistische Cello die Melodie an, die anfangs in den Geigen kam, und eine Klarinette spielt leicht variiert die Wellenbewegung, die vorher die Celli hatten. Die andere Klarinette (welche spielt übrigens was?) und später Oboe und Flöte liefern einen Kontrapunkt.

Die Gliederung ist jetzt sechstaktig. Dann setzt die Solovioline wieder ein. Sie spielt, wie so oft in diesem Stück, in Triolen: Es sind lauter kleine Dreiergrüppchen. Eins nach dem andern hängen sie aneinander und bilden den langen Faden von Scheherazades Erzählung.

Von der Rhythmik her könnte das alles auch ein schmiegsamer, unendlicher Walzer sein. So steht man nicht am Strand und schaut aufs Meer. So wirft man einen Blick über die Wellen, während man auf dem Deck eines großen Segelschiffs steht.

Das Begehren des Sultans

Ein interessantes Detail ist mir beim Hören erst relativ spät aufgefallen: Die Melodie der Geigen ab min 1:38 entspricht in ihren ersten Tonabständen dem grimmigen Motiv des Sultans ganz zu Beginn des Satzes. Die Übereinstimmung ist zu deutlich, um Zufall zu sein. Im Charakter aber ist die Melodie ganz anders. Sie entwickelt sich anders weiter, ist weicher, nachgiebiger und viel gewandter.

Vielleicht kann man es so sehen: Das Meer steht im ersten Satz von »Scheherazade« für das Begehren des Sultans – und für die Fähigkeit Scheherazades, dieses Begehren zu lesen, zu führen und in die Schranken zu weisen.

Die Rahmenhandlung zu den Geschichten aus Tausendundeiner Nacht hat ja so etwas wie ein Happy End: Scheherazade erzählt so spannend und so gut, dass der Sultan ihr am Ende das Leben schenkt. Aus eigener Kraft hätte er das – so bitter man das finden kann – vermutlich nicht geschafft.

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