Maurice Ravels Version von Mussorgskys »Bilder einer Ausstellung«
Am vergangenen Dienstag war das Fauré Quartett im Bamberger Musikverein zu Gast. Auf dem Programm standen Werke von Schubert und Dvořák. Nach der Pause gab es Mussorgskys »Bilder einer Ausstellung« in einer Fassung für Klavierquartett.
Das Konzert war sehr schön. Über das Stück von Dvořák schreibe ich bei nächster Gelegenheit, denn es ist toll. Interessanter aber waren am Konzertabend für mich die »Bilder einer Ausstellung«, die ich vom Fauré Quartett schon einmal gehört hatte, und zwar auf der Unterstaller Alm im Hochsommer.
Es war ein heißer, sonniger Tag damals. Man musste sich dick mit Sonnencreme einreiben dort oben im Gebirge. Am Dienstag in Bamberg sind wir durch die verschneite Stadt zur Konzerthalle spaziert, wo das Fauré Quartett gastierte. Nachdem ich die »Bilder« zuletzt open air gehört hatte, war ich gespannt, wie sie im Konzertsaal klingen würden. (Wer sich dafür nicht interessiert, kann gleich zum übernächsten Absatz springen!)
Was soll ein Klavierquartett??
Für mich war es eine kleine Offenbarung, und die hatte zuerst gar nichts mit den Stücken selbst zu tun. Ich war überrascht, weil ich zum ersten Mal verstanden zu haben glaube, was ein Klavierquartett soll und was für diese Besetzung charakteristisch ist: Es ist kein Klaviertrio mit drei Einzelinstrumentalisten, aber auch kein Klavierquintett, das schnell zum Klavierkonzert tendieren kann (Klavier und Streichquartett).
Stattdessen bietet ein Klavierquartett das Beste aus beidem: die solistischen Instrumentalist:innen, die Interaktion zwischen Einzelstimmen, Streichern und Klavier oder im gesamten kleinen Ensemble. Dazu kommt der große Ensembleklang, der mal vom Klavier eher perkussiv gerahmt wird und mal das Klavier melodiös einbegreift.
Die Bandbreite in der Lautstärke, aber auch in den Klangfarben ist enorm.
Wenn alle Streicher immer wieder ihren ganzen Bogen ausnutzen wie am Dienstag schon optisch so auffällig die Streicher des Fauré-Quartetts, dann wird die Streichergruppe dem Klavier klanglich mindestens ebenbürtig. Insgesamt entsteht ein voluminöser Klang. Er ist weniger intensiv als weich im Charakter, aber dabei tragfähig, vor allem wenn Boden, Decke und Wände des Konzertsaals ihn noch einmal verstärken – ganz anders war damals der Klangeindruck auf der grünen Wiese vor der Bühne auf der Unterstaller Alm.
Innerhalb von vier Wänden lässt sich vor dem offenen Flügel der Resonanzraum dieses Flügels nutzen, um im großen Saal den speziellen Streicher-mit-Klavier-Sound ganz besonders üppig zu feiern; so hat es das Fauré Quartett gemacht.
Modest Mussorgskys »Bilder einer Ausstellung«
Das passt gut zum üppigen Klang der »Bilder einer Ausstellung«, einer genial anschaulichen Komposition, von der mittlerweile derart viele Fassungen existieren, dass man sich wundert, dass es auch ein Original gibt: Es stammt von dem russischen Komponisten Modest Mussorgsky.
Mussorgskys Original ist eine klanggewaltige, kantige Komposition für Klavier solo. Hier spielt sie Ivo Pogorelich:
Die »Bilder einer Ausstellung« sind eine Reihe von Charakterstücken aus dem Jahr 1874. Mussorgsky schrieb sie als eine Art Hommage an Bilder seines Freundes, des Architekten und Malers Victor Hartmann. Er war jung verstorben. Ihm zu Ehren veranstaltete man in St. Petersburg eine Ausstellung seiner Werke – auf sie bezog sich Mussorgsky mit seiner Komposition.
Nicht alle Bilder, zu denen er ein Stück geschrieben hat, sind erhalten. Und überhaupt ist fraglich, ob Mussorgsky eher die Bilder vertont hat oder den Eindruck desjenigen, der sich diese Bilder zu Gemüte führt. Ich will die Titel hier noch gar nicht spoilern, weil man die einzelnen Stücke auch erst einmal nur als Musik auf sich wirken lassen kann (die deutschen Titel stehen unten im letzten Video und danach im Text).
Die Komposition beginnt mit einer Promenade, die nachher noch ein paar Mal in variierter Form wieder aufgegriffen wird. Sie stellt den Gang von einem Bild zum andern dar, wobei sich außer dem Tonmaterial auch die Stimmungen verändern, ausgelöst, wenn man so will, durch die Bilder, die man sich zwischendurch musikalisch angeschaut hat.
Szenisches Komponieren
Ein paar markante Aspekte von Mussorgskys Komposition zeigen sich gleich zu Beginn: einerseits das häufige Wiederholen prägnanter Motive (hier rhythmisch zwei Achtel + eine Viertel), was in der Promenade mit einem Pendeln zwischen Dominante und Tonika einhergeht (F- und B-Dur – bei pentatonischer Melodik), glockenartig, andererseits das Alternieren von 5/4- und 6/4-Takt, ein 11/4-Takt, wenn man so will, der eine leichte Asymmetrie erzeugt, die den kraftvoll-regelmäßigen Pendelschlag leise destabilisiert; vergleichbar subtile, aber kraftvolle Verfahren kann man auch in späteren Stücken finden.
Auffällig, wenn man aus der Vogelperspektive auf die Komposition schaut, sind vor allem die harten Schnitte, die Mussorgsky setzt und die aus verschiedenen Gründen so gut passen: Auch weil die Promenaden nicht jedesmal zwischen zwei Bilder eingeschoben sind, passiert der Übergang von einem Bild zum andern manchmal sehr plötzlich. Dazu kommt, dass Aspekte eines Bildes im Kontrast zueinander stehen können, was sich bei Mussorgsky in teils scharf akzentuierten Unterschieden in Stimmung, Atmosphäre und Klangbild zeigt.
Und nicht zuletzt passt die eher szenische Kompositionstechnik, in der klassische Satzformen weniger wichtig sind als der suggestive Anschein von Anschaulichkeit, im Grunde ganz gut zu den harschen Akzenten, die das Klavier klanglich setzen kann.
Insgesamt ist die Komposition gar nicht so weit weg von der Untermalung eines Stummfilms, und das Jahrzehnte, bevor der Stummfilm und die unter der Leinwand sitzenden Pianisten ihre große Zeit erlebten.
»Bilder einer Ausstellung« – Maurice Ravels Orchesterversion
Dass eine so plastische Klavierkomposition wie Mussorgskys »Bilder einer Ausstellung« die ein oder andere Bearbeitung nach sich gezogen hat, ist deswegen nicht ganz überraschend, weil die Klavierversion bei aller klanglichen Pracht doch trotzdem Leerstellen lässt, die sich gut mit den Klangfarben anderer Instrumente füllen lassen:
Neben Mussorgskys Original und der viel späteren Fassung für Klavierquartett existieren u. a. eine Version für Klaviertrio, mehrere Gitarrenversionen, Orgelfassungen, eine Fassung für 2 Klaviere, aber auch eine für 44 Pianisten an 44 Flügeln und einem präparierten Klavier.
Die Version von Emerson, Lake and Palmer gibt es hier:
Eine eigene Recherche verdienen vermutlich die spieltechnisch vereinfachten Solo- oder Ensembleversionen für den Musikschulbereich. Und auch die Orchesterversionen sind auf die Schnelle gar nicht zu überblicken.
Den bislang wohl größten Erfolg heimste vor mehr als hundert Jahren Maurice Ravel mit seiner Orchesterversion von Mussorgskys »Bildern« ein. Sie entstand im Jahr 1922 als Auftragswerk für den Kontrabassisten und Dirigenten Serge Koussevitzky.
Hier dirigiert sie Alain Altinoglu, es spielt das hr-Sinfonieorchester:
Von der Promenade bis zum Schloss – Ein paar Notizen
Das ehern Kantige der Klavierversion hat Ravel in der Promenade zunächst durch eine blockartige Instrumentation umgesetzt. Erst spielen die Blechbläser die Promenade als einen strahlenden Choral. Umso weicher, aber ebenfalls glanzvoll klingen anschließend die Streicher. Später melden sich auch die Holzbläser zu Wort. Den Klangraum des Orchesters eröffnet Ravel hier also nach und nach. Man kann es durch die Bildregie im Video gut mitverfolgen.
In »Der Gnom« rumpeln die tiefen Streicher viel voluminöser, als es ein einzelnes Klavier oder auch ein Klavierquartett könnte. Spannend sind die Klangeffekte, beispielsweise die hoch dahingetupften Holzbläser und im Anschluss (ab min 2:06) die Celesta vor dem Hintergrund fein ausziselierter Streicherglissandi. Auch die Harfe kommt ins Spiel.
Dramatisch unsanft schreiten die unhandlichen Intervalle daher, kurz nachdem der Dirigent den ihnen vorangehenden Abschnitt mit einem Schalk im Gesicht beendet hat. Auch der Klarinettist findets lustig (min 2:26). Im Kontrast zu den nicht leicht singbaren Tonfolgen mit den großen Sprüngen dazwischen stehen die Passagen, die in Halbtonschritten abwärtsstreben (ab min 3:10).
Die anschließende Promenade verrät ihre Gemächlichkeit schon in der Tempoangabe: Moderato comodo assai e con delicatezza, das heißt übersetzt Mäßig im Tempo, sehr gemächlich und mit Zartgefühl.
In »Das alte Schloss« höre ich das Gruftige, rieche das nicht unangenehm Muffige. Ich stelle mir alte, gruselige Gänge vor – und liege damit möglicherweise total daneben. Auf dem Bild war offenbar ein Troubadour vor dem Schloss zu sehen. Spielt also das Saxophon das Lied dieses Troubadours? (Das Saxophon im klassischen Symphonieorchester ist selten!)
Die Melancholie eines Ochsen
Die Promenade kennt man schon. Aber sie ist ja nicht dieselbe, auch wenn neuerlich die blockartige Instrumentation auffällt. In den »Tuilerien«, einem berühmten Park in Paris, könnte man einfach weiterflanieren. Die Tempobezeichnung ist Allegretto non troppo, capriccioso: Etwas schnell, aber nicht zu sehr, launenhaft.
Ganz im Gegensatz zum lustigen Durcheinander in diesem Park steht die Mühe, die das Stück »Bydło« (polnisch für Rindvieh) ausstrahlt. Hartmann, der sich zeitweise in Frankreich aufgehalten hatte, kehrte über Polen nach Russland zurück. Mussorgsky zeichnet hier musikalisch einen Ochsenkarren. Besonders eindrücklich, wie Mussorgsky nicht nur die Mühe, sondern auch die stoische Kraft des Ochsen in Szene setzt. Stark, wie Ravel mit einem Tubasolo in hoher Lage die Melancholie des Ochsen andeutet. Dann ab min 12:42 dreifaches Forte, Trommelwirbel, ist das jetzt zornige Resignation?
Ganz sanft klingt die daran anschließende Promenade. Aber das vorige Stück hallt darin nach. Dann wieder ein scharfer Schnitt: Das »Ballett der Küken in ihren Eierschalen«. Wer war zuerst: Die Henne oder das Ei?
Vom Marktplatz in Limoges durch die Katakomben in Paris zur Baba Jaga durch das große Tor von Kiew
Nach der Auseinandersetzung zweier ganz gegensätzlicher Juden überfällt einen sanft, aber wieder plötzlich das Treiben auf dem »Marktplatz von Limoges«. Und beinahe ruckartig geht es dann in die »Katakomben« von Paris. Es ist einmal mehr ein harter Schnitt, diesmal eine barocke Geste, die unwirsch zu signalisieren scheint: ›Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen‹. Der Maler Victor Hartmann war 39 Jahre alt, als er starb.
In der Hütte der Baba Jaga möchte man nicht zu Gast sein. Denn die Baba Jaga, eine Hexe, hat die unangenehme Gewohnheit, Menschen zu essen. Manche der Bewegungsmuster in diesem Stück erinnern ein bisschen an den Gnom vom Beginn der »Bilder«. »Die Hütte der Baba Jaga« ist ein fast comicartig schauriges Stück Klangmalerei, das mit einem absolut gekonnt komponierten, hektischen Gequietsche endet, bevor dann plötzlich – wieder ein Schnitt – »Das große Tor von Kiew« erscheint.
Großer Klangzauber. Introvertierte Episoden zwischendurch. Glockenklänge. Ansonsten Wucht und Glanz und Kraft und Pracht.

Das ist vermutlich das einzige Stück klassischer Musik, das dem Ort Limoges (Geburtsort meines Mannes) huldigte. Eine Stadt, die außerhalb Frankreichs kaum jemand kennt.