Zum Inhalt springen

Lauter schöne dritte Sätze

Die klassische Symphonie von innen heraus verändern

Ich habe Silvester im Bayerischen Wald verbracht. Dort hatte es Schnee. Man konnte Schlitten fahren.

Ein halbvolles Sektglas auf einem beschneiten Schlitten vor einer Feuerschale. Das Feuer ist für den Moment erloschen.

Auf der Rückfahrt nach Bamberg habe ich mir Tschaikowskys »Winterträume« angehört, seine erste Symphonie. Ich hatte Lust auf Kutsche und auf Kufen. Aber ich saß nur in Regionalzügen. Immerhin!

In Tschaikowskis Symphonie mit dem Beinamen »Winterträume« gibt es einen Walzer, und zwar im Trio des dritten Satzes, des Scherzos. Das war mir neu bzw. ich hatte es vergessen.

Menuette und Scherzi

Dass eine Symphonie als dritten Satz ein Scherzo aufweist, ist seit spätestens Beethoven nichts Besonderes. Und auch ein Trio als Mittelteil eines solchen Satzes gehört einfach zur Form.

Das war schon bei Menuetten so, die vor der Zeit der Scherzi üblicherweise als dritter von vier Sätzen dienten: Das Trio kam nach dem Menuett, und danach wurde das Menuett wiederholt; das Trio ist häufig kantabler, also sanglicher, d. h. melodischer als die Rahmenteile, behält aber den Tanzcharakter der Rahmenteile auf vielleicht etwas fließendere Weise bei. Und alles das zusammen – Menuett, Trio, Wiederholung des Menuetts – bildete früher einmal den dritten Satz einer Symphonie.

Ein Trio als Walzer zu gestalten, ist dabei nicht verboten, weil der Tanzrhythmus und der Dreiertakt es durchaus nahelegen.

Vor allem in Scherzi bietet es sich im Grunde förmlich an. Scherzi nämlich sind an sich schon ein Stück weit selbstreflexive Sätze und bieten als solche Raum für Experimente: Im Gegensatz zu Menuetten und ihrem abgezirkelten Dreiertakt spielen Scherzi gern mit dem Taktschema. Auf Scherzi lässt sich weniger gut tanzen als auf Menuette. Diese Wirkung ist aber gar nicht das Entscheidende. Sondern dass sie das Taktschema thematisieren, indem sie mit ihm spielen und es zwischendurch vielleicht sogar außer Kraft setzen, das ist einer der Witze, um die es in Scherzi geht. Tschaikowski macht es im Trio des Scherzos seiner Ersten umgekehrt: Er unterstreicht den Dreiertakt, indem er einen Walzer einfügt.

Zur Dramaturgie der Symphonie

Innerhalb der Dramaturgie einer klassischen Symphonie bringt der dritte Satz – ob Scherzo oder Menuett – nach einem langsamen zweiten Satz, der häufig in Liedform steht, ein neues Tempo: Er bringt Bewegung in das Ganze.

Für Scherzi gilt das von Anfang an: Scherzi kommen zwar historisch gesehen nach den Menuetten. Erst kamen viersätzige Symphonien mit einem Menuett als drittem Satz; später kam anstelle eines Menuetts ein Scherzo. Diese historische Abfolge stimmt so allerdings nur bedingt: Schon Haydn nämlich, der als einer der Erfinder der klassischen Symphonie gilt, hat mit Scherzi oder mindestens Scherzoanklängen statt mit Menuetten experimentiert (in seinen Streichquartetten explizit), auch wenn die Scherzi (in den Symphonien) noch Menuett hießen. Und schon Haydn hat außerdem ausprobiert, was mit einer Komposition passiert, wenn man das ›Menuett‹ als zweiten statt dritten Satz verwendet.

Der sog. Erfinder der klassischen Symphonie, der also, der das viersätzige Modell einer Symphonie durch viele noch heute überzeugende – und hörenswerte! – Beispiele etabliert hat, hat also, wenn man so will, seine eigenen Muster unterlaufen. Auch damit hat er Schule gemacht: Beethoven nach ihm schrieb in seiner ersten Symphonie ein Menuett. Der Satztitel ist aber eigentlich ein Pseudonym. Die Musik klingt schon wie ein Scherzo. Ab der Zweiten gibts bei Beethoven dann explizit symphonische Scherzi. In der Vierten aber steht plötzlich doch wieder ein Menuett, was jetzt wirklich ein Witz ist (welcher Tänzer hält dabei den Dreiertakt durch?). Die Namen werden nebensächlich. Das Scherzo hat sich längst durchgesetzt. In Beethovens Neunter steht das Scherzo übrigens an zweiter Stelle.

Später hat dann Gustav Mahler ein Scherzo als zweiten Satz seiner Symphonien Nr. 5 und Nr. 6 eingesetzt. In seiner Dritten steht als zweiter Satz ein »Tempo di Minuetto«. Überraschenderweise steht dann der dritte Satz dieser Dritten unter der Überschrift Scherzando. Es gibt hier also ein Menuett UND ein Scherzo. Aber gut, diese Symphonie hat ja nicht nur vier Sätze, sondern sechs. In der Siebten dann ist der dritte Satz ein Scherzo. Aber es ist der dritte Satz von fünf. Zu Mahlers Zeit war das Viersatzmodell der Symphonie also auch nicht mehr die Norm.

Ein Walzer und ein Juba Dance – Das Modell von innen verändern

Das Schema, nach dem klassische Symphonien vier Sätze haben, mit einem Menuett und später Scherzo an dritter Stelle, hat Grenzen. Und doch ist es ein Modell, dass noch zu Zeiten wirksam war, als längst neue Modelle die Konzertsäle erobert hatten.

Mir fallen im Moment zwei, drei prominente Beispiele für Symphonien in vier Sätzen ein, die als dritten Satz etwas besonders Eigenwilliges präsentieren: zuerst nicht Tschaikowskis Erste – wie gesagt, das Trio als Walzer ist noch nicht unbedingt außergewöhnlich. In seiner Fünften aber ist der gesamte dritte Satz explizit ein Walzer, und das ist, so weit ich sehe, selten.

Das nächste Beispiel nenne ich nur der Vollständigkeit halber, weil es einigermaßen prominent ist: Das Scherzo aus Dvoráks Sechster ist ein Furiant.

Interessanter ist der dritte Satz der ersten Symphonie von Florence Price: ein Juba Dance; ich habe hier bereits einen Text über dieses Stück geschrieben.

Zur Geschichte der Symphonie

Der Begriff Symphonie kommt aus dem Griechischen. Er bedeutet ursprünglich Zusammenklang. Verbunden damit war eine Intervalllehre, die z. B. in der Unterteilung zwischen Kon- und Dissonanzen noch heute gelehrt wird.

Der aus der Antike übernommene Terminus bezeichnete im 16. Jahrhundert dann zunächst Vokalstücke, u. a. im kirchlichen Rahmen, die Sacrae Symphoniae von Giovanni Gabrieli sind dafür ein Beispiel.

Erst nach und nach wurden auch reine Instrumentalstücke als Symphoniae bezeichnet, wobei sich die Schreibweisen Sinfonie und Symphonie auseinanderentwickelten – was mich als Programmheftredakteur vor einigen Jahren regelmäßig nervös gemacht hat, weil sich viele Orchester heute Symphoniker nennen, während in Einführungstexten oft von Sinfonien die Rede ist, was häufig weder falsch noch schlecht, aber eben uneinheitlich ist, wenn im gleichen Programmheft Klangkörper genannt sind, die sich nicht Sinfoniker nennen.

Eine herausragende Form der instrumentalen Sinfonia wurde im 17. und 18. Jahrhundert die italienische Opernouvertüre mit der Tempofolge schnell-langsam schnell. Auch hier waren die Modelle vielfältig.

Die Symphonie als öffentliche Rede

Unter anderem weil die Menschen vor der eigentlichen Opernaufführung durch die Ouvertüre auf die instrumentale Musik selbst aufmerksam wurden, hatte es die Ouvertüre im Lauf der folgenden Jahrzehnte leicht, sich zu einem selbstständigen Instrumentalstück weiterzuentwickeln.

Bevor aber Haydn und andere die klassische Symphonie, die mit den vier Sätzen etc., erfunden haben, gab es eine Reihe von Komponisten wie Sammartini, Stamitz, Monn und sehr viele andere, die teils Dutzende von Symphonien schrieben, die heute im Einzelnen eher von Originalklangensembles als von den großen Symphonieorchestern aufgeführt werden.

Nachdem Haydn mit seinen späten Symphonien, die u. a. in London eine große Fangemeinde hatten, eine Form für diese Gattung gefunden hatte, die uns heute noch geläufig ist, war es schließlich Ludwig van Beethoven, der mit seinen Symphonien ab der dritten anfing, die bloße Musik als Ausdruck einer Idee zu komponieren, am auffälligsten in der Neunten, bei der man streiten kann, ob der Chor im Schlusssatz jetzt die notwendige, über das abstrakt Instrumentale hinausweisende Krönung des Ganzen ist – oder aber ob er wirklich nötig war. (Der Streit ist zumindest in einer Hinsicht längst entschieden. Die Symphonie ist wohl eins der einflussreichsten Stücke der jüngeren europäischen Musikgeschichte geworden.)

Schlägt man den Bogen zurück zu den Anfängen des Begriffs des Symphonischen, dann lässt sich die klassische und wohl erst recht die moderne Symphonie als Form der öffentlichen Rede verstehen, in der sich Musiker:innen und Publikum (harmonisch) mit und über sich selbst verständigen.

Das mag eine weder neue noch sonderlich interessante und wahrscheinlich sogar eine etwas altbackene Deutung sein, gerade in der heutigen Zeit, die einem Vertrauen auf allseitige Verständigung eher wenig Anlass bietet. Aber die Deutung liefert vielleicht zumindest einen Grund dafür, warum Menschen sich heute noch ganze Symphonien antun. Es ginge doch auch kürzer!

Schreib mir!

Falls Du z. B. interessante dritte Sätze in viersätzigen Symphonien kennst, die Dir auffallen oder besonders gefallen, ob Scherzi, Menuette, Walzer, Ländler (?), Juba Dances oder was auch immer: Schreib mir einen Kommentar! Ich freue mich darauf:)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Akustik Alpensinfonie Amerika Beethoven Berge Berlioz Beschleunigung Blechbläser Brahms Dmitri Schostakowitsch Eric Ericson Erinnerung Finale Franui Johann Sebastian Bach Katholizismus Klavier Klavierkonzert Klaviervariationen Kommunikation Komponistinnen Leichtigkeit Lied Ligeti Mahler Mahler Competition Meer Melodien Ordnung Pastorale Programmmusik Robert Schumann Scherzo Schubert Stille Strauss Strawinski Streichquartett Symmetrie Symphonie Symphonie Nr. 1 Symphonie Nr. 3 Symphonie Nr. 4 Symphonie Nr. 5 Symphonie Nr. 6 Symphonie Nr. 7 Symphonie Nr. 8 Violinkonzert Vivaldi Wolfgang Amadeus Mozart

Cookie Consent mit Real Cookie Banner