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Zitate

Das Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester von Dmitri Schostakowitsch

Dmitri Schostakowitsch wurde am 25. September 1906 in St. Petersburg geboren. Seinen ersten Klavierunterricht erhielt er von seiner Mutter, die am Petersburger Konservatorium Klavier studiert hatte. Im Jahr 1919 wird ihr Sohn dort als Student aufgenommen. St. Petersburg heißt inzwischen Petrograd.

Studium in Petrograd

Schostakowitsch, der später vor allem als Komponist bekannt werden sollte, studierte in Petrograd Komposition und Klavier. Sein Arbeitspensum war mehr als hoch, und das in den Jahren nach der Oktoberrevolution 1917. Es herrschte Bürgerkrieg. Die Menschen litten Hunger. Im Konservatorium wurde im Winter nicht oder nicht zuverlässig geheizt. Schostakowitsch war den Umständen entsprechend gesundheitlich angeschlagen, was ihn aber nicht an seinem Studium hinderte. Im Gegenteil.

Seine ersten Kompositionen mit Opuszahl entstanden ab 1919. Außer einigen Werken für Orchester schrieb Schostakowitsch damals Kammermusik mit Klavier und Musik für Klavier solo. Als Diplomarbeit verfertigte er 1925 seine erste Symphonie. Sie wird sehr erfolgreich uraufgeführt am 12. Mai 1926 unter Nikolai Malko.

Petrograd heißt seit Lenins Tod im Jahr 1924 Leningrad. Das Orchester der Uraufführung von Schostakowitschs Erster waren die Leningrader Philharmoniker, ursprünglich das Orchester der 1802 gegründeten St. Petersburger Philharmonischen Gesellschaft, das man zwischendurch für ein paar Jahre Staatliche Philharmonie Petrograd nannte.

Schostakowitsch und das Klavier

Im Jahr 1927 nimmt Schostakowitsch am erstmals ausgetragenen Chopin-Wettbewerb in Polen teil. Und wer weiß: Hätte er damals nicht an einer Blinddarmentzündung gelitten, vielleicht wäre er bei diesem noch heute prestigeträchtigen Wettbewerb erfolgreicher gewesen und er hätte seine Karriere als Pianist weiterverfolgt. Aber es kam anders. Schostakowitsch, der beim Chopin-Wettbewerb keinen Preis erhielt, komponierte seitdem weniger für Klavier, dafür umso mehr Symphonien, Opern, Ballett-, Theater- und Filmmusiken, später auch Kammermusik, vor allem die Streichquartette.

Untreu ist Schostakowitsch dem Klavier allerdings nie geworden. In den frühen 1920er Jahren hatte er als Stummfilmpianist gearbeitet, um nach dem Tod seines Vaters 1922 den Unterhalt der Familie zu sichern. In den folgenden Jahrzehnten komponierte er Klavierkammermusik und Lieder mit Klavierbegleitung. Oft führte er sie selbst auf. Sein erstes Klavierkonzert entstand im Jahr 1933. Auch dessen hochvirtuosen Solopart spielte er bei der Uraufführung selbst.

Schostakowitsch, mit einem Stift über eine Partitur gelehnt, hinter ihm ein Klavier bzw. Flügel, Anfang der 1940er Jahre
Schostakowitsch Anfang der 1940er Jahre (Knoxville News Sentinel; July 19, 1942, Public domain, via Wikimedia Commons)

Besetzung

Es ist eigentlich gar kein reines Klavierkonzert, sondern ein Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester.

Die mit einem Sinn für Kontraste gewählte, sehr ungewöhnliche Besetzung ist ein Ohrenöffner, schon bevor irgendjemand spielt: Das Klavier ist ein robustes und von der Klangerzeugung her recht unsanftes Instrument. Man muss per Tastendruck mit Hämmern auf die Saiten schlagen, um die gewünschten Töne zu erzeugen.

Die Trompete als Blechblasinstrument klingt ganz anders, brilliert aber mit einer Spezialkompetenz im Bereich kräftige Fanfaren. Anders als das Klavier hat es einen festen Platz im modernen Symphonieorchester. Als durchsetzungsstarkes Soloinstrument ist es aber genauso gut geeignet, auch wenn Konzerte für Trompete und Orchester rarer sind als die für Klavier und Orchester. Stilistisch vielseitig und klanglich sehr variabel sind Klavier, Trompete und Streicher sowieso – so unterschiedlich sie auch im Einzelnen zum Einsatz kommen.

Auf Streichinstrumenten werden Töne normalerweise erzeugt, indem man, wie der Name schon sagt, mit einem Bogen über die Saiten streicht. Die Töne werden also sanfter hervorgebracht als auf dem Klavier. Auch wenn Streichinstrumente sehr ruppig klingen können und die Geigen spitz bis schrill: Üblicherweise wird auf ihnen nicht gehämmert und mit der Lautstärke einer Trompete können Streicher auch nicht konkurrieren. (Es gibt natürlich Ausnahmen.)

Lustig bis zur Selbstparodie

Schostakowitschs Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester ist aber nicht nur klanglich interessant. Es ist deswegen hörenswert, weil es den Komponisten in einer Phase zeigt, in der er noch nicht ins Visier der sowjetischen Staatsmacht gekommen war, sodass bald jedes seiner größeren Werke Gefahr lief, zu einem Politikum zu werden.

Das erste Klavierkonzert ist eine von Schostakowitschs lustigen Kompositionen. Vor allem das Finale strotzt nur so vor guter Laune, was unter anderem daran liegt, dass Schostakowitsch bestimmte Charakterzüge der Trompete bis in die Selbstparodie hinein übersteigert (unten z. B. ab Minute 24:25).

Das Kristiansand Symphony Orchestra unter Ken-David Masur spielt das Konzert für Klavier, Trompete und Orchester von Dmitri Schostakowitsch. Die Solisten sind Christian Grøvlen am Klavier und Jens Forus an der Trompete.

Drei der vielen Zitate, die Schostakowitsch eingebaut hat

Schostakowitsch hat in viele seiner Kompositionen Zitate eingebaut, zum Beispiel die Tonfolge DEsCH, seine Initialen nach deutscher Schreibung. Solche Zitate unterstreichen den Bekenntnischarakter insbesondere solcher autobiographischen Werke, in denen Schostakowitsch mehr oder weniger deutlich im Widerstand gegen das Sowjetregime komponierte, z. B. in seinem 8. Streichquartett oder in seiner 10. Symphonie.

In seinem Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester hatte er für solche verschlüsselten Ich-Botschaften noch keinen Anlass. Stattdessen hat er eine ganze Reihe anderer Zitate, Anspielungen und Anklänge in sein Stück gepackt.

Das Konzert beginnt nach kurzer Fanfare und ersten Begleitfiguren mit einem absteigenden Molldreiklang im Klavier, der – wie manche Einführungstexte behaupten – an den Beginn von Beethovens Klaviersonate Nr. 23 mit dem Beinamen »Appassionata« erinnert.

Artur Schnabel konzertierte in Petrograd, während Schostakowitsch dort studierte. Hier spielt er den Kopfsatz aus Beethovens »Appassionata«.

Der absteigende Molldreiklang, um den es hier geht, dauert einerseits so kurz und er ist als Material so allgemein, dass ich mich schwertue, zu behaupten, dass Schostakowitsch am Anfang seines Konzerts eindeutig und unverkennbar Beethoven zitiert. Andererseits hat Schostakowitsch in seiner Studienzeit laut Krzysztof Meyer gern die »Appassionata« gespielt.

Dazu kommt im Finale ein klareres Beethoven-Zitat, in dem Schostakowitsch ebenfalls mit Dreiklangsfiguren arbeitet. Oben im Konzertmitschnitt ab Minute 22:45 schält es sich langsam heraus, und nach dem Klaviertriller bei 23:14 kann man Beethovens Rondo a capriccio op. 129 heraushören. Bekannt wurde es unter dem Beinamen »Die Wut über den verlorenen Groschen«.

Evgeny Kissin spielt Beethovens »Die Wut über den verlorenen Groschen«.

Auch hier spielt Schostakowitsch mit der Allgemeinheit des Materials, wobei er die nach oben strebenden Dreiklangsfiguren, aus denen der Beginn von Beethovens op. 129 besteht, mehrfach auf unterschiedlichen Tonstufen wiederholen lässt – es könnte auch eine Etüde sein.

Haydns Klaviersonate in D-Dur Hob. XVI:37 hat schon kurz vorher einen Auftritt (oben im Video ab Minute 18:58) – das Eingangsthema ist bei Haydn schon witzig, aber die Trompete bei Schostakowitsch treibt es nochmal persiflierend auf die Spitze…

Rudolf Buchbinder spielt den Kopfsatz von Haydns Klaviersonate in D-Dur Hob. XVI:37.

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